Sterzing
wird auch die Fuggerstadt genannt, weil hier die reiche Augsburger
Kaufmannsfamilie deutliche Spuren hinterlassen und wesentlich
zum aufstieg der Stadt zum Bürger-, Handels- und Kulturzentrum
beigetragen hat. Die Stadt verdankte den rasanten wirtschaftlichen
Aufschwung im späten Mittelalter dem Bergbau.
Das
Wahrzeichen von Sterzing ist der Zwölferturm, zwischen 1468
und 1472 erbaut. Er trennt die Stadt in eine Neustadt und
eine Altstadt. Diese Namen rühren von einem Großbrand des
Jahres 1443 her, der den südlichen Kern zerstörte und einen
Neuaufbau erforderlich machte. Im Jahre 1867 brannte auch
der rote Spitzhelm des Zwölferturms ab; er wurde sodann durch
einen steinernen Treppengiebel ersetzt.
Bevor
wir die Neustadt aufsuche, werfen wir einen Blick in die Spitalkirche
zum Hl. Geist an der Nordseite es Stadtplatzes. Die bedeutenden
gotischen Fresken stammen aus der Hand des Malers Johann von
Bruneck.
Es
sind nur wenige Schritte vom Zwölferturm bis zum Rathaus,
von dem eine künstlerische und geschichtlich interessante
Nepomuk-Statue auf sich aufmerksam macht. Historisch gesehen,
erinnert das Denkmal an Johannes von Nepomuk (1350 bis 1393),
Generalvikar in Prag, den König Wenzel IV angeblich wegen
seiner Weigerung, ein Beichtgeheimnis zu verraten, in der
Moldau ertränken ließ. Johannes von Nepomuk ist gerade im
Süddeutschen und böhmischen Raum ein sehr verehrter Heiliger,
zumeist Brückenpatron. Und so steht er auch in Sterzing im
Zusammenhang mit Unwetternöten und Bedrohung durch Wasser:
Er sollte und soll den oft über die Ufer austretenden Vallerbach
und Eisack bannen und Sterzing vor Überschwemmungen bewahren.
Das
neben dem Denkmal liegende Rathaus, 1468 als Bürgerhaus von
der Stadt angekauft, zählt zu den schönsten Rathäusern mit
Prunkerkern in Tirol Es wurde zwischen 1468 und 1473 erbaut
und ist der Blickfang der Sterzinger Neustadt. Im Innern ist
so manches sehenswert, nicht zuletzt die Ratstube sowie der
gotische Theatersaal, der an eine der berühmtesten Persönlichkeiten
von Sterzing um 1500 erinnert: Vigil Raber , bereits zu seinen
Lebzeiten hochangesehener Schauspieler, Spielleiter weltlicher
und geistlicher Theaterstücke, Kunstmaler, Theaterverleger
und Regisseur. Ohne ihn wäre Sterzing nicht zu jenem künstlerischen
Rang gelangt, den die Stadt noch in der Theaterszene genießt.
Im Innenhof des Rathauses ist der Mithrasstein aufgestellt,
eine ganz besondere kulturelle Kostbarkeit. Allerdings wurde
er nicht direkt in sterzing, sondern in der etwas südlicher
gelegenen Ortschaft Mauls gefunden. Dieser Stein ist in dieser
Gegend der bekannteste Zeuge für die Verbreitung des orientalischen
Mithraskultes durch die römischen Garnisonen, die demnach
auch im oberen Eisacktal dieser heidnischen Gottheit huldigten.
Im
unweit vom Rathaus gelegenen Ansitz Jöchlsthurn mit der St.
Peter und Paul Kapelle befindet sich heute das Landesbergbaumuseum.
Die bauliche Substanz dieses Ansitzes geht auf einen alten
Stadtturm zurück, aus dem im 15. Jahrhundert die bekannte
und reiche Unternehmerfamilie Jöchl ein stattliches Wohnhaus
errichten ließ. Spätgotische Fresken und vor allem reich verzierte
Holzdecken aus dieser Zeit erinnern an den damals aufblühenden
Reichtum der Stadt.
Sterzing
versank nach dem Niedergang des Bergbaus im 16. Jahrhundert
in eine wirtschaftliche Lethargie. Die Fuggerstadt konnte
sich erst im 20. Jahrhundert mit dem Anfang des modernen Tourismus
wieder erholen und stieg zu neuer Bedeutung auf.
Bevor
wir der Pfarrkirche von Sterzing, Unserer lieben Frau im Moos,
einen kurzen Besuch abstatten, machen wir halt beim Deutschhaus
mit dem städtischen Museum und den noch erhaltenen Teilen
des berühmten spätgotischen Flügelaltars von Hans Multscher.
In diesem Zusammenhang werfen wir einen kurzen Blick zurück
in die Geschichte.
Der
angesehene Künstler Hans Multscher schuf zwischen 1456 und
1458 in Ulm einen Altar für das damals aufblühende Städtchen
am Eisack. Schon bald fand der Flügelaltar seinen Bestimmungsort.
Später, in der Zeit des Barock, wurde der gotische Altar abgetragen.
Damals begann eigentlich schon die Odyssee dieses Kunstjuwels.
Die berühmten Multschertafeln kamen ins Rathaus, wo sie neben
anderen Kunstwerken öffentlich ausgestellt waren. Dann, in
unserem Jahrhundert, in der Zeit von Faschismus und Nationalsozialismus,
gelangten diese Tafeln wiederum in den Mittelpunkt des Interesses:
Reichsmarschall Hermann Göring interessierte sich brennend
für sie. Der "Duce" Benito Mussolini, kaufte im
Namen des Staates der Stadt Sterzing die Kunstschätze ab und
präsentierte sie Göring als Geburtstagsgeschenk. Nach dem
Ende des Zweiten Weltkriegs war es dann nicht so einfach die
Tafeln wieder nach Sterzing zurückzubekommen. Heute können
sie im Multschermuseum im Deutschhaus besichtigt werden.
Den
Abschluß unseres Rundgangs durch Sterzing bildet ein Besuch
in der Pfarrkirche, die außerhalb der Stadt liegt. Die Volkssage
erzählt, daß damit die Ridnauner Bergknappen öffentlich bekunden
wollten, daß sie finanziell für einen großen Teil der Baukosten
aufkamen und somit das Recht beanspruchten, sie an der Stelle
zu errichten, wo es ihnen gefiel: etwa außerhalb von Sterzing,
damit sie, von Ridnaun kommend, den Kirchgang verkürzen konnten.
In Wahrheit erklärt sich die Lage der Pfarrkirche aus der
Tatsache, daß früher einmal zur Pfarre Sterzing auch Ratschings,
Telfes, Thuins, das Jaufental und Gasteig gehörten.
Der
spätgotische Hallenbau der heutigen Kirche besitzt ein beachtenswertes
Hauptportal mit Marmorrahmen und verzierten Scheitelkreuzungen.
Sehenswert sind auch die beiden ähnlich gerahmten Seitenportale.
Das Gotteshaus ist in seinem Innern, ähnlich wie im Äußern,
wuchtig.
Überall
fällt der weiße Marmor auf, der kunstvoll bearbeitet ist.
Verschiedene Mäzene haben die gewaltigen Säulen gestiftet.
Heute zeigt sich die Kirche barockisiert. Im Innern bestechen
die farbenfrohen Deckengemälde, Seitenaltar und Kreuzigungsgruppe,
der Taufstein und die für Sterzing geschichtsträchtigen Grabsteine.